Schon lange etabliert ist heutzutage der HD-2D-Stil von Square Enix, seit das erste Spiel mit diesem Art Style damals exklusiv für die Nintendo Switch an den Start ging: OCTOPATH TRAVELER.
Nicht nur bedienten sich fortan weitere Spiele dieses Stils (wie z. B. die Dragon Quest Remakes, Triangle Strategy oder Live A Live), auch der Pionier selbst bekam 2023 mit OCTOPATH TRAVELER 2 (-> unser Testbericht) einen zweiten Teil spendiert, der eine konsequente Erweiterung und auch Verbesserung des Erstlings darstellte.
Und nun erschien der bereits dritte Teil dieser noch jungen IP und schickt sich ins Rennen, die Formel weiter zu modifizieren und gar zu verbessern…? Wie sich OCTOPATH TRAVELER 0 auf der Nintendo Switch 2 schlägt, erfahrt ihr in diesem Review!
Das kenn ich doch schon! Oder?
Gleich vorneweg sei gesagt: OCTOPATH TRAVELER 0 ist keine komplette Neuentwicklung. Sein Fundament basiert auf dem Gacha-Mobile-Game OCTOPATH TRAVELER: CHAMPIONS OF THE CONTINENT (Android und iOS).
0 erweitert dieses Fundament stark, bringt viele neue Elemente, entfernt jegliche Spur des Gacha-Systems und setzt auch grafisch einige neue Akzente.
Außerdem fungiert 0 als Prequel zum Erstling der Reihe. So finden wir uns nicht nur erneut auf dem Kontinent Osterra wieder und wandern durch bereits bekannte Orte und Städte, sondern haben auch die Möglichkeit, alte Helden aus dem Original nicht nur zu treffen, sondern sie sogar in unsere Heldenparty aufzunehmen.
Und dort kommen wir auch schon zum ersten Alleinstellungsmerkmal von 0 gegenüber den beiden Vorgängern.
Denn anders als im Namen OCTOPATH TRAVELER bereits angedeutet wird, sind es nicht “nur” 8 Charaktere, die wir in 0 rekrutieren und deren Geschichten wir erleben können – es sind sage und schreibe 32!
Und auch im rundenbasierten Kampf können nun nicht maximal 4, sondern bis zu 8 Helden gleichzeitig in die Schlacht ziehen. Wobei das so ganz nicht stimmt, denn diese 8 Helden sind in zwei Reihen eingegliedert: die vordere Reihe, die aktiven Kämpfer, die gezielt gesteuert werden und den Angriffen der Feinde standhalten müssen, und die hintere Reihe, die quasi in der Warteschlange steht und sich währenddessen ausruhen kann.
Dabei wird jedem der 8 Figuren ein Tauschpartner zugeordnet, der beim Zug der Figur in die jeweils andere Reihe eingewechselt werden kann.
Dadurch entstehen völlig neue Möglichkeiten und Strategien, die das Kampfsystem noch einmal deutlich aufwerten und komplexer werden lassen.

Der eigene Held, die eigene Geschichte
Erstmalig in der Geschichte der Reihe wählt man zu Beginn des Spiels einen individuell gestaltbaren Helden aus – die Möglichkeiten zur Charakteranpassung sind zwar relativ begrenzt, sollten jedoch für die meisten ausreichend sein, um ein gefälliges Erscheinungsbild zu erschaffen.
In dieser Konsequenz bleibt der Protagonist, der wahlweise männlich oder weiblich sein kann, allerdings stumm.
Das Reden in den zahlreichen Storysequenzen muss also von anderen Charakteren getragen werden, die allerdings in engem Kontakt zu unserem Helden stehen, da sie alle in derselben Stadt aufgewachsen sind – Wishvale.
Auch in diesem Sinne unterscheidet sich 0 also von seinen Vorgängern, deren Charaktere doch eher durch Zufall aufeinandertrafen und nur hin und wieder (OCTOPATH TRAVELER 2) oder nahezu gar nicht (OCTOPATH TRAVELER 1) wirklich Interaktionen miteinander aufwiesen bzw. storytechnisch wenig bis keine Berührungspunkte miteinander aufwiesen, sondern vor allem ihre eigene Geschichte erzählten. Ein viel zitierter Kritikpunkt der Reihe übrigens.
Doch die Geschichte in 0 steht deutlich zentraler im Fokus.
So wird direkt zu Beginn des Spiels die Stadt Wishvale von ominösen und mächtigen Schurken dem Erdboden gleichgemacht. Nahezu alle Einwohner kommen dabei ums Leben. Lediglich unser Held, einige seiner Freunde und wenige andere konnten dem Flammentod entkommen.
Der weitere Verlauf ist klar… die drei mächtigen Schurken sollen für ihre Taten bezahlen!
Doch das allein ist nicht das Ziel der Heldengruppe. Es gilt außerdem, Wishvale wieder aufzubauen – ein völlig neues Element in der Reihe.

Bauen und Basteln
Ein Kernelement in OCTOPATH TRAVELER 0 ist der Wiederaufbau der zu Asche verbrannten Stadt.
Durch das Einsammeln von Materialien am Wegesrand, auf dem Baugelände selbst oder auch als Beute von Gegnern schafft man sich nach und nach die Grundlage für neue Gebäude, Dekorationen und Pflanzen aller Art. Auch Wege bzw. Bodengestaltung ist möglich. Diese benötigen keinerlei Materialien, und man kann sofort mit der Gestaltung loslegen.
Alle möglichen Bauteile platziert man dann auf vorgegebenen Rastern und baut somit eifrig eine neue Stadt nach eigenem Belieben.
Das trägt nicht nur zu einem individuellen Erlebnis und Bastelspaß für den geneigten Spieler bei, sondern hat auch positive Ingame-Effekte.
So kann man überall in der Welt Leute anwerben, um nach Wishvale zu ziehen – solange das Einwohnerlimit es zulässt. Diese kommen dann mit unterschiedlichsten Boni:
- vom regelmäßigen Erhalt von weiteren Baumaterialien,
- über eine Limiterhöhung von aushelfenden NPCs in Kämpfen,
- bis hin zum Erhalt von zusätzlichen Jobpunkten nach jedem Kampf.
Außerdem lassen sich Dekorationen bauen, die z. B. für einen größeren Erfahrungserhalt sorgen oder sogar die gewonnenen XP auf Null reduzieren, um den Schwierigkeitsgrad deutlich anzukurbeln.
Und natürlich: Umso weiter man in der Story bzw. der Questline des Aufbaus der Stadt voranschreitet, umso mehr Optionen offenbaren sich, und auch das Limit für Einwohner und das Baulimit erhöhen sich. Ein sehr motivierendes und spaßiges System, das grob an Spiele wie Xenoblade Chronicles mit dem Wiederaufbau von Kolonie 6 oder auch Bravely Default mit seinem StreetPass-Feature erinnert. Ein von mir sehr gern gesehenes Element in solchen Spielen, das für Auflockerung und neue Reize sorgt.
Zusätzlich gibt es immer wieder im Spiel die Möglichkeit, innerhalb Wishvales mit einem Tastendruck auf + ein paar Partygespräche anzusehen und sich dabei bei Meinungsverschiedenheiten auf die Seite des einen oder anderen zu schlagen.

Die Welt, die Möglichkeiten
Wie eingangs bereits erwähnt, spielt OCTOPATH TRAVELER 0 in den gleichen Gefilden wie schon der Erstling. Entsprechend werden sich Spieler des Originals hier und da wiederfinden und bekannte Orte und Städte wiederentdecken. Das mag ein wenig langweilig wirken, bringt aber auch Nostalgie mit sich. Für neue Spieler aber ohnehin ein völlig neues Erlebnis.
Es ist interessant zu sehen, wie die eigentlich bereits bekannte Welt neu inszeniert wird.
Ein typisches Feature der Reihe sind die Wegeaktionen. Mit diesen konnte man, je nachdem, welchen Charakter man gerade steuerte, diverse spezielle Aktionen durchführen. Da wir aber in 0 unseren festen Charakter steuern, obliegen ihm die meisten bekannten Aktionen. Das heißt, man kann NPCs zum Kampf herausfordern, um ihnen Items abzuluchsen, kann Informationen aus ihnen herauskitzeln, sie nach Wishvale einladen, sie rekrutieren, um im Kampf auszuhelfen, Items abkaufen oder um Items bitten.
Alles mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, die mit Ruf und Level der Party steigt; je nach NPC gibt es eine andere Auswahl an Möglichkeiten.
Man hat so in jeder Stadt mannigfaltige Optionen und ist für das Ausloten aller davon durchaus auch gezwungen, später ein wenig Backtracking zu betreiben, da etwa Level-60-Charaktere zu Beginn des Spiels nicht besiegt werden können.
Auch findet man früh im Spiel einige Schatztruhen auf seinen Reisen, die erst später geöffnet werden können.
Aber natürlich wollen wir auch der Geschichte folgen. Diese ist in drei Teile gegliedert, die sich jeweils einem der drei Schurken widmen. Diese zeichnen sehr genaue Bilder der Kontrahenten und sind sowohl gut geschrieben als auch gut vertont.
Apropos vertont: Das Spiel bietet wie die Vorgänger englische und japanische Sprachausgabe. Allerdings sind die Texte leider allesamt ebenfalls nur auf Englisch oder Japanisch zu erleben.
Dass Square Enix hier auf eine umfassende Lokalisation verzichtet hat, ist eine Schande – zumal beide Vorgänger diese boten.
Ein kleiner Schlag ins Gesicht der Fans und auch der IP an sich, die somit sicher direkt weniger Spieler ansprechen und kaum zum Wachstum der Reihe beitragen wird.
Der Aufbau von Wishvale hat übrigens eine ganz eigene Storyline und somit quasi die vierte Hauptquest im Bunde.
Zusätzlich kommen typische Nebenquests von NPCs sowie Quests von den vielen rekrutierbaren Charakteren auf uns zu. Dort kann es übrigens auch nötig sein, bestimmte Charaktere in der Welt zu rekrutieren und sie dann zum Questgeber zu bringen, um die Mission erfolgreich abzuschließen.
Dankbarerweise kann man unkompliziert jede Questreihe markieren und per Schnellreise zum Zielort springen – sofern man dort bereits einmal gewesen ist.
Auch kann man im Journal alle bereits erlebten Sequenzen noch einmal abspielen, sollte man etwas verpasst oder vergessen haben.
Es gibt also mehr als genug zu tun! Und das Spiel präsentiert sich dabei in der bekannten, schönen Atmosphäre des HD-2D-Stils, auch wenn ich das Gefühl habe, dass OCTOPATH TRAVELER 2 insgesamt etwas hübscher aussah. Dazu kommt ein sehr guter Soundtrack, der die Stimmung wunderbar untermalt.

Aber… was ist denn mit dem Kampf?
Ja. Den gibt es auch. Den Kampf.
…
…
…
Nicht zufrieden?
Na gut!
Grundsätzlich läuft der Kampf nach der altbewährten OCTOPATH TRAVELER-Formel ab, die sich wiederum ein wenig der BRAVELY DEFAULT-Formel bedient.
Kämpfe sind rundenbasiert, wir haben eine große Auswahl an Skills und die bereits erwähnte, neue große Party aus bis zu 8 kämpfenden Charakteren.
Handeln eure Charaktere ganz normal in ihrem Zug, generieren sie Boost-Punkte. Bis zu 4 davon können in nur einem Zug verbraucht werden, um jegliche Aktionen zu stärken. In diesem Fall werden allerdings keine neuen Punkte generiert.
Dazu kommt ein Spezialskill, eine Art Limitangriff, der nur von unserem generierten Haupthelden eingesetzt werden kann, um den Kampf in einer kritischen Situation herumzureißen.
Eine weitere Würze im Kampfsystem sind die Schwächen der Gegner. Typisch für die Reihe hat jeder Gegner diverse Schwächen, die zu Beginn des Kampfes nicht ersichtlich sind und es erst werden, trifft man mit der richtigen Waffe oder dem richtigen Elementzauber (oder verfügt über spezielle Skills, die die Schwächen aufdecken).
Hat man die Schwächen oft genug getroffen, bricht die Verteidigung des Ziels. Dadurch wird es gezwungen, eine Runde auszusetzen, und nimmt ordentlich Schaden durch unsere Angriffe. Entsprechend wird es strategisch sinnvoll, seine Boost-Punkte für solche Momente anzusparen.
Eine sehr dynamische und spaßige Umsetzung des rundenbasierten Kampfsystems mit Tiefgang, und durch das neue System mit bis zu 8 Charakteren auf dem Feld hat man genug Anpassungen, um dem Spiel nicht nur seinen eigenen Charakter, sondern dem System frischen Wind einzuhauchen.
Übrigens: Jeder Charakter kommt mit seiner eigenen Klasse und individuellen Fähigkeiten, die es nach und nach zu erlernen gilt – mithilfe von Jobpunkten, die man neben der normalen Erfahrung nach Kämpfen erhält.
Eine mögliche Zweitklasse wie in den Vorgängern fällt hier raus. Dadurch ergeben sich zwar weniger Möglichkeiten für jeden Charakter, machen sie aber insgesamt interessanter, da sie kampftechnisch weniger austauschbar sind.
Unser Held ist dabei die Ausnahme! Denn dieser kann alle Berufe ausüben und deren Skills lernen. Wir haben also jederzeit die Wahl, unseren Charakter so anzupassen, wie wir ihn am liebsten haben möchten.
Außerdem gibt es hier und da in der Welt auch erlernbare Skills zu finden, die Charakteren individuell zugeordnet werden können. Jeder Charakter kann bis zu 3 aktive Kampfskills und 2 passive Skills ausrüsten.
Wer also gerne experimentiert und sich die perfekte Party zusammenstellen möchte, hat hier eine geeignet große Spielwiese vor sich.

Wandern wir mit?
OCTOPATH TRAVELER 0 ist ein überraschend großartiges Spiel, das über seine Wurzeln eines Mobile-Gacha-Spiels weit hinausgewachsen ist und zu einem vollwertigen und würdigen Ableger dieses Franchise geworden ist.
Die Geschichten werden gut erzählt und servieren uns die vielleicht beste – auf jeden Fall aber am meisten zusammenhängende und traditionellste – Handlung aller bisherigen Teile.
Die Sprecher leisten eine gute Arbeit, und das Kampfsystem ist mit ein paar neuen Twists absolut erhaben, sofern man mit rundenbasierten Kämpfen etwas anfangen kann.
Die Neuerung des Städtebaus fügt sich gut und organisch ins Spielgefüge ein und dient als zusätzlicher Motivationsfaktor.
Garniert wird das Ganze mit dem hübschen HD-2D-Stil und einem großartigen Soundtrack.
Einzig die fehlende deutsche Lokalisierung zieht das Gesamterlebnis deutlich herunter. Nicht aufgrund fehlender Englischkenntnisse, sondern aufgrund des Gefühls, dass man hier gezielt gegen Fans arbeitet, um Geld zu sparen – was der IP eher schaden könnte.
Daher hoffe ich inständig, dass ein hoffentlich folgender Teil 4 in naher Zukunft wieder auf eine vernünftige Lokalisation setzen wird, denn die IP ist mir unlängst ans Herz gewachsen und ich möchte mehr davon.
Pro
- Neue Kampftechniken mit bis zu 8 Kämpfern
- Städtebau ist neu und motivierend
- Viel zu tun, viele Quests
- Gut erzählte und zusammenhängende Geschichte
- Sehr gelungener Soundtrack
- Insgesamt gute und frische Ideen für die IP
Contra
- Keine deutschen Bildschirmtexte
- Backtracking kann unübersichtlich und etwas nervig werden
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