Entwickler IO Interactive (oder kurz IOI) kennt man vor allem für die Hitman-Reihe um Agent 47, dem die dänischen Entwickler schon seit über 20 Jahren treu sind. Als sie dann vor rund 5 Jahren mit „Project 007“ ein neues Spiel rund um den britischen Kult-Agenten James Bond ankündigten, war meine Vorfreude einerseits groß, aber ich hatte auch Sorgen ob IOI dem Stoff gerecht werden kann, da gerade die letzten Hitman-Spiele aus der ‚World of Assassination‘-Reihe stark Sandbox-orientiert waren und weniger inszeniert als noch ein Hitman Absolution.
Im Kino ist der von Ian Fleming erdachte Superagent seit über 60 Jahren eine feste Größe. Während Sir Sean Connery (offiziell) James Bond 1962 das erste Mal in „Dr. No“ spielte, konnten auch mehrere Umbesetzungen die Faszination dieser Figur nicht zerstören. Neben Roger Moore und Pierce Brosnan verkörperte zuletzt Daniel Craig den Lieblings-Agenten des MI6 mit der Doppelnull. (Die 2 Nullen bei „007“ stehen übrigens für 2 bestätigte Tötungen im Dienst, die dem Agenten die ‚Lizenz zum Töten‘ verleihen.)
Natürlich wurden über die Jahre auch einige 007-Videospiele produziert, die allerdings in der Qualität stark schwanken und sich mal an den jeweiligen Filmen (z.B. Live and Let Die (1988)) orientierten oder vom Kino losgelösten Geschichten erzählen (z.B. Everything or Nothing (2004)). Am bekanntesten dürfte noch „Goldeneye“ aus dem Jahre 1997 sein, dass seinerzeit exklusiv für den Nintendo 64 erschien und für viele das beste Bond-Spiel überhaupt ist, bis zuletzt ‚007 Legends‘ (2012) der Reihe von James-Bond-Spielen ein vermeintliches, unrühmliches Ende bescherte.
Alles auf Null (Null)
Ohne etwaige Altlasten mitzuschleppen erzählt IOI in „007 First Light“ eine komplett neu erdachte Origin-Story des bekannten Agenten. Während im Kino immer noch nach einem neuen Bond-Darsteller (Stand: Juni 2026) gesucht wird, steht dieser hier bereits fest: Der irische Schauspieler Patrick Gibson. Unterstützt wird er u.a. von Kiera Lester (Miss Moneypenny), Priyanga Burford (M) oder unser Ausbilder und Mentor John Greenway, gespielt von Lennie James, der vielen eventuell als Morgan Jones aus ‚The Walking Dead‘ bekannt sein dürfte.

Auch wenn man sich bewusst für einen Neuanfang entschied, merkt man dass die Entwickler mit der Materie vertraut sind: So ist die Vorzimmerdame Mrs. Ponsonby evtl. nur eingefleischten Fans bekannt und auch Bonds auffallende Narbe auf seiner rechten Wange keine Erfindung von IOI, sondern wurde bereits von Ian Fleming in den Romanen beschrieben, fand sich jedoch in den Kinoverfilmungen nie wieder. Bond ist hier aber immer noch Bond, wie wir ihn aus dem Kino kennen: großspurig, vorlaut, aber auch charmant und dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt. Auch wenn man im Kino zuletzt versuchte, James Bond menschlicher wirken zu lassen, wirkt er mittlerweile etwas wie aus der Zeit gefallen, vielleicht erklärt das aber auch die anhaltende Beliebtheit.
Zu Beginn des Spiels gerät der junge Luftwaffensoldat James Bond in eine schier ausweglose Situation, deren Bewältigung ihm das Angebot des MI6 zur Aufnahme in das wiederbelebte Doppelnull-Programm beschert. Wie im Kino-Vorbild folgte darauf eine aufwändig produzierte Intro-Sequenz in bester Bond-Manier inklusive eigens für das Spiel vom etablierten Bond-Komponisten David Arnold geschriebenen Song „First Light“, gesungen von Lana Del Rey.
Auch im restlichen Spiel sorgt die orchestrale Musik vom britischen Duo ‚The Flight‘ für ausreichend Bond-Flair und unterstützt die Dramatik, ohne dabei störend oder unpassend zu wirken.
Zwischen filmreifer Agentenhatz und Spionage Gameplay
Von der ersten Minute an wird die Inszenierung großgeschrieben: First Light ist im Grunde ein Third-Person-Action-Adventure mit starkem narrativen Fokus und cineastischer Inszenierung, das in den besten Momenten an ‚Uncharted‘ erinnert. Mal rasen wir mit einem Aston Martin durch malerische Berglandschaften in der Slowakei, liefern uns am Flugfeld eine explosive Schießerei mit Bösen Jungs oder wir brettern mit einem Mülltransporter durch das nächtliche London. Eine Fahrzeugwahl oder eine frei befahrbare Stadt wie z.B. in GTA gibt es hier allerdings nicht, alles hat seinen Platz in der sehr linearen Geschichte, die uns das Spiel erzählen will. Neben den stark inszenierten Action-Passagen gibt es aber auch Spionage-lastigere Abschnitte, deren offene Gestaltung stark ans hauseigene „Hitman“ angelehnt ist.
Bonds Arsenal ist sehr vielseitig und wird im Laufe des Spiels immer wieder erweitert.
Bereits während unserer Agenten-Ausbildung erlernen wir in einer spielbaren Action-Montage die grundlegenden Kampftechniken. Ob wir Schläge und Tritte austeilen oder dieselben blocken und parieren, um sie in effektive Konterangriffe zu verwandeln, das Nahkampfsystem ist einfach zu lernen, ermöglicht aber spannende Kämpfe, in denen wir auch Umgebungsobjekte in den Kampf mit einbeziehen können. In Sachen Fernkampf kann Bond dagegen entweder seine Dienstwaffe einsetzen, um Gegner zu töten, oder aber wir schießen Gegnern in die Beine, um sie so bewegungsunfähig zu machen und sie mit einem Nahkampfangriff auszuschalten. Auch können wir Gegnern die Waffen abnehmen oder sogar aus der Hand schießen, um sie dann gegen sie einzusetzen. Sollte die Munition zur Neige gehen, bietet sich auch die Möglichkeit, ihnen die Waffen an den Kopf zu werfen.

Natürlich darf auch Q nicht fehlen, der Bond hier mit allerlei Gadgets ausgerüstet und uns so im Feldeinsatz weitere Möglichkeiten bietet. Während wir anfangs in Ruhe die Orte erkunden und u.a. Leute belauschen können, um so an wichtige Informationen zu gelangen, so können wir dank Q-Watch die Umgebung scannen, Geräte manipulieren, um Leute abzulenken oder sogar auszuschalten. Im Laufe der Geschichte bekommen wir noch weitere Gadgets wie Rauchwolken oder einen Raketenfüller, dessen Nutzen man sich vermutlich schon denken kann.
In einer der ersten Missionen bekommen wir z.B. den Auftrag, jemanden in einem Nachtclub zu beschatten, der sich allerdings im VIP-Bereich im oberen Stock befindet, zu dem wir uns erst einmal Zutritt verschaffen müssen. Jetzt gibt es nun mehrere Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen: Wir können einerseits ein Telefonat belauschen, bei dem wir erfahren, dass ein eingeladener Gast auf sich warten lässt. Nun geben wir uns an der Information als dieser zu erkennen und erhalten einen VIP-Stempel, der uns einfach den Zutritt zum VIP-Bereich ermöglicht.
An anderer Stelle bekommen wir mit, dass wir über das Gerüst auf der Rückseite der Bühne ebenfalls zum ersten Stock hochklettern können, was uns zu schwindelerregenden Manövern über der Tanzfläche des Nachtclubs führt. Dies sind nur 2 Möglichkeiten, das gewünschte Ziel zu erreichen: Dabei muss man sich die Information auch nicht selber merken, sondern man bekommt die verschiedenen Möglichkeiten in seiner Aufgabenliste angezeigt, wenn man sie einmal entdeckt hat, und kann dort auch auswählen, welche Möglichkeit man weiter verfolgen möchte. Schlussendlich führt aber jede Variante zum gleichen Ausgang, denn obwohl First Light in vielen Abschnitten dem Spieler die Wahl lässt, wie er etwas angeht (also ob er sich durchprügelt, durchballert oder durchschleicht), so ist das Ergebnis oft das gleiche und beeinflusst die grundlegende Geschichte nicht.

Auch wenn die Gadgets witzig sind und viele Möglichkeiten bieten, sind sie nicht wirklich notwendig. Werden wir z.B. bei einer Schleichmission entdeckt, können wir uns und den Weg auch einfach freiprügeln oder freischießen, was gerade auf niedrigeren Schwierigkeitsgraden oft eine sehr einfache Möglichkeit ist, weiterzukommen.
Schwierigkeitsgrade gibt es übrigens 3: Story, Normal und Purist, wobei auch der höchste den meisten Spielern noch zu leicht sein wird. Wirklich anspruchsvoll sind da allenfalls die gleichnamigen Ingame-Herausforderungen, bei denen wir z.B. bestimmte Abschnitte lautlos abschließen müssen, ohne dass wir erwischt werden.
Auch ist die KI der Gegenspieler nicht immer einwandfrei, manchmal werden wir komischerweise nicht gesehen, andernorts bleiben Soldaten auch schon mal an einer Tür hängen. Wirklich störend oder ärgerlich ist das allerdings kaum.
Spannende Geschichte
Wer auf Entscheidungsfreiheit Wert legt und weitreichende Konsequenzen erwartet, ist hier sicher falsch. Dafür wird hier eine richtig gute Agentenstory mit vielen Story-Twists geboten, die es mühelos mit den Kinofilmen aufnehmen kann und für mich sogar eine der besten Bond-Geschichten der letzten Jahre ist.
Das funktioniert auch deswegen so gut, weil die Figuren alle gut geschrieben sind und die Kollegen einem durch viele (auch optionale) Dialog-Interaktionen schnell ans Herz wachsen.
Man spricht „britisch“
Anders als bei vielen anderen aktuellen AAA-Titeln bietet 007 First Light nur eine englische Vertonung (die jedoch äußerst gelungen ist). Auch wenn es deutsche Untertitel gibt, gibt es in den Erkundungsabschnitten schon einige Dialoge, deren Inhalt für uns wichtig ist. Wenn auch nicht zwingend nötig, wären englische Grundkenntnisse hier schon nicht verkehrt.
Eine deutsche Synchronisation wäre toll gewesen, bei einem Grand Theft Auto VI beklagt sich aber wohl auch kaum jemand, wenn alle Charaktere in amerikanischem Slang sprechen.

(Geheimdienst-)Technik
Gespielt wurde von mir auf einer PlayStation 5 Pro und trotz teilweise großen Menschenmengen und vielen Effekten bleibt die Framerate weitestgehend stabil und generell wird ein sehr sauberes und scharfes Bild geboten, das nur selten mal minimales Kantenflimmern aufweist. Auf der Standard-PS5, auf der Kevin das Vergnügen hatte, gibt es dagegen 2 Grafikmodi: einmal Qualität mit 30 Bildern pro Sekunde, während der Performance-Modus zwar mit 60 Bildern aufwarten kann, dafür aber die Auflösung etwas reduziert. Auf der PS5 Pro fehlt uns diese Einstellmöglichkeit und die gebotene Qualität entspricht in etwa dem Qualitätsmodus der Base PS5, nur eben mit 60 Bildern pro Sekunde.
Kevin hatte das Gefühl, dass seine PlayStation 5 mit 007 First Light schon langsam an ihre Grenzen kommt, da Kantenflimmern schon häufiger mal auffiel und auch Haare ähnlich instabil wirkten wie bei dem ein oder anderen Nintendo Switch 2 Port anderer großer Titel. Bleibt abzuwarten, wie 007 First Light auf der Hybrid-Konsole von Nintendo performen wird.
Man spielt nur zweimal
Hat man die Kampagne nach rund 15–20 Stunden schließlich erfolgreich abgeschlossen, stellt sich die Frage, wie groß der Wiederspielwert ist. Nostalgische Collectibles sind zwar nett, aber vermutlich für die meisten kein Grund, das Spiel ein zweites Mal zu spielen. Zwar gibt es alternative Lösungen für verschiedene Abschnitte, was zwar nett ist, aber da sich der Ausgang schlussendlich nicht unterscheidet, wird es wohl nur Komplettisten reizen, alle Herausforderungen des Spiels zu meistern, um so z.B. verschiedene Anzüge freizuschalten.
Neben dem Hauptspiel gibt es noch die sogenannten „Taktischen Simulationen“. Mit eigenem Level-System absolvieren wir hier Trainingsmissionen, teils auch in bereits aus dem Hauptspiel bekannten Locations. Durch das Aufleveln schalten wir neue Gadgets frei und können diese sogar upgraden. In den Taktischen Simulationen geht es oft auch darum, sie auf bestimmte Art und Weise zu beenden (wie z.B. Gegner lautlos auszuschalten oder durch bestimmte Manöver). War die Art und Weise, wie man sein Ziel erreicht, im Hauptspiel noch weitestgehend egal, ist es hier meist fester Bestandteil der Mission.
Auch wenn dieser Modus aktuell etwas wenig Umfang bietet, hat IOI schon weitere Updates mit Simulationen angekündigt und neben kommendem NG+ (New Game Plus) ist selbst eine neue Story-Mission über den Piratenkönig Bawma angekündigt.

Neben der PlayStation 5 ist das Spiel auch für PC, XBOX Series X|S erschienen und kostet aktuell 69,99 € für die Standard Version und 79,99 € für die Deluxe Edition, die zusätzliche Anzüge und Skins bietet. Eine Version für Nintendo Switch 2 folgt im Laufe des Jahres.
Pro
- Spannende und wendungsreiche Geschichte
- Abwechslungsreiches Gameplay für Action-Freunde als auch Stealth-Veteranen
- Überzeugende, cineastische Inszenierung
Contra
- Nur englische Sprachausgabe (Geschmackssache)
- Fehler haben meist wenig Auswirkung, irgendwie können wir uns immer durchschlagen
- Gadgets witzig, aber nicht immer nötig
- Gegner KI nicht immer fehlerlos
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