Ruffy and the Riverside im Test: Elementetausch trifft Plattform-Abenteuer

Mit Ruffy and the Riverside liefert das Indie-Studio Zockrates Laboratories einen frischen und charmanten Ansatz im Plattform-Genre. Im Mittelpunkt steht eine einzigartige Spielmechanik: die Fähigkeit, die Elemente der Umgebung zu tauschen. Was als skurrile Reise beginnt, entwickelt sich rasch zu einem umfangreichen Abenteuer voller Rätsel, liebenswerter Figuren und kreativer Anpassungsmöglichkeiten – eingebettet in eine handgezeichnete, lebendige Welt.

Ruffy and the Riverside will vieles sein: eine nostalgische 3D-Plattformer-Hommage an die N64-Ära, ein kreatives Puzzlespiel, ein charmantes Indie-Abenteuer mit handgezeichneter Optik – und genau da liegt die Herausforderung. Denn so sympathisch die erste Veröffentlichung des kleinen Entwicklerteams Zockrates Laboratories auch ist, so sehr kämpft sie mit Konzeptchaos, technischen Unebenheiten und einem auffallend schwachen Gegnertypendesign.

Trotzdem: Wer sich an die Zeiten von Banjo-Kazooie, Tomba oder Crash Bandicoot erinnert, wird sich in dieser farbenfrohen Welt wohlfühlen. Vor allem dann, wenn man Lust auf neue Ideen in einem altbekannten Gewand hat.

Ein wunderschön unperfekter Stil

In Ruffy and the Riverside kannst du mit dem magischen FLIP Texturen kopieren – verwandle Wasser in Eis/Lava oder Wasserfälle in Kletterranken! Erkunde, kämpfe, skate auf Strohballen und lass deiner Fantasie freien Lauf. Begib dich in ein Abenteuer, in dem du buchstäblich die Welt verändern kannst!

Protagonist Ruffy, begleitet von der frechen Biene Pip und dem mürrischen Maulwurf Sir Eddler, entfesselt versehentlich den finsteren Würfel-Lord Groll. Durch die Untersuchung eines mysteriösen Kristalls, mit dem sich Elemente verändern lassen, beginnt das Chaos.

Groll will sämtliche Kristalle absorbieren und Riverside zerstören – nun liegt es an Ruffy und Pip, sechs heilige Buchstaben zu finden, die den Weltenkern schützen.

Was als Erstes auffällt: die visuelle Handschrift. Ruffy wirkt wie einem 80er-Jahre-Kinderserien-Intro entsprungen – inklusive sichtbarer Filzstiftstruktur auf den Figuren. Der Mix aus 2D-Sprites in einer 3D-Umgebung funktioniert überraschend gut. Ruffy bewegt sich flüssig durch die Welt, flattert mithilfe seiner Bienenfreundin Pip über Abgründe, klettert auf selbst erzeugten Ranken oder brettert auf Heuballen durch offene Areale.

Die Level präsentieren sich als liebevoll gestaltete Biome – von Wäldern über Friedhöfe bis hin zu eisigen Landstrichen – und erinnern an Klassiker der späten 90er. Teilweise kann man sogar die Verbindungsstellen der Polygone erkennen – stilistisch vielleicht unbeabsichtigt, aber es verleiht dem Spiel genau jenen DIY-Charme, den Retro-Fans feiern dürften.

Elemente tauschen – kreativ denken

Das Herzstück des Spiels ist der Elementetausch. Mit einem Tastendruck scannt Ruffy Materialien wie Holz, Metall, Wasser oder Lava und kann sie für kurze Zeit speichern. Diese Elemente lassen sich dann auf bestimmte Objekte übertragen. So werden etwa schwere Metallkisten durch Holzkisten ersetzt – und schwimmen plötzlich. Dankt mir später.

Auch absurde Situationen entstehen: Die Sonne spricht mit dir und möchte zum Mond werden? Kein Problem.

Besonders clever: Mit den Schultertasten ZL und ZR lassen könnt ihr den Multi-Flip entfesseln – ideal für komplexere Rätsel oder Zeit-Challenges.

Das ist auch schon ganz ohne Zweifel die größte Stärke von Ruffy and the Riverside. Dadurch entstehen clevere Umgebungsrätsel:

  • Eine Schatztruhe aus Metall lässt sich nicht bergen? Tausche ihre Textur mit Holz und sie treibt auf.
  • Eine Wasserwand blockiert den Weg? Wirf eine Kletterpflanze drauf und du kommst hoch.
  • Eine Tür mit Farbkodierung? Kopiere Farben von naheliegenden Steinen, Blumen etc. und die Passage öffnet sich.

Diese Mechanik fühlt sich frisch, durchdacht und spaßig an. Zwar lässt sie nicht völlige Freiheit zu und bestimmte Rätsel wiederholen sich gegen Ende zu oft – dennoch sorgt sie für kreative „Aha-Momente“, wie man sie in Genrevertretern selten sieht.

Selten gibt Pip mal eine Hilfestellung bei Rätseln. Einmal musste ich Rücksprache mit dem Team halten, weil ich Probleme damit hatte einen der Etoi von einem Baum zu holen. An der Stelle hätte ich mir gewünscht, Navi aus The Legend of Zelda: Ocarina of Time wäre da, um optional den ein oder anderen Tipp zu erhalten. Dabei war die Lösung simpler als gedacht.

Plattform-Klassiker mit modernen Extras

Neben der FLIP-Mechanik beherrscht Ruffy klassische Plattform-Manöver: Gleitflug via Pip, Nahkampfangriffe und ein aufladbarer Rundumschlag gehören ebenso zum Repertoire.

Wie in klassischen Collect-A-Thons üblich, besteht ein Großteil des Spiels darin, Sammelobjekte zu finden: Buchstaben, Juwelen, Schmetterlinge, Runen, Herzen und mehr. Manchmal dienen sie als Story-Voraussetzung, manchmal als Upgrade-Währung. Leider ist der Nutzen nicht immer klar oder motivierend gestaltet. Besonders schwach ist das Upgrade-System: Neue Herzcontainer muss man stumpf kaufen, statt sie als Belohnung für gutes Erkunden oder das Lösen von Rätseln zu bekommen. Weitere Statuswerte wie Ausdauer steigert man via Glücksspiel – durch eine Gacha-artige Slotmaschine, die zufällig Effekte auf die eigene Umhängefarbe verteilt. Das wirkt unausgereift und unnötig willkürlich.

Auch die Story verwirrt eher, als dass sie motiviert: Ein finsterer Würfel-Alien namens Groll hat magische Murmeln gestohlen und den an Hollywood angelehnten „RIVERSIDE“-Schriftzug zerstört, den es nun zu reparieren gilt – warum das wichtig ist… na um den Weltenkern zu retten! Viel Gerede, wenig Kontext. Statt leichter Abenteuergeschichte mit Humor gibt’s Textwände voller kryptischer Lore. Schade – besonders, weil die Charaktere wie Pip oder der juwelenverrückte Maulwurf Sir Eddler eigentlich durchaus Charme haben.

Ich hatte dennoch öfter mal etwas zu lachen. Die deutschen Bildschirmtexte sind liebevoll geschrieben. Das Finale brachte unerwartete Wendungen und Ereignisse zum Vorschein.

Handgezeichnet, schrullig, lebendig

Die Welt von Riverside punktet mit Detailverliebtheit, humorvollen Nebenfiguren und skurrilen Quests. NPCs fühlen sich nicht wie Platzhalter an, sondern bereichern die Welt aktiv.

Herausfordernd wird es in abstrakten, kreideartigen 2D-Welten, in denen Rätsel und präzises Tauschen gefragt sind – ein cleverer Twist auf die Kernmechanik.

Doch so gelungen viele der Ideen sind: Die Gegner und Bosskämpfe bleiben komplett blass. In einem 8- bis 10-stündigen Durchlauf gibt es nur drei Bosskämpfe, zwei davon gegen denselben Antagonisten. Die normalen Feinde – ein lebender Fels, ein Hai und ein absurd animierter Ball – sind Witzfiguren ohne Bedrohungspotenzial. Der Kampfanteil wirkt wie ein nachträglich eingefügter Pflichtteil.

Schwächen: Backtracking und Audio-Overload

Einziger größerer Kritikpunkt: Die Hauptquests bestehen oft aus Laufwegen mit wenig Variation – das kann ermüdend wirken. Auch die Sprachsamples von Ruffy und Pip oder die Musik des jeweiligen Abschnitts wiederholen sich recht schnell, was auf Dauer stören kann. Glücklicherweise lassen sich diese in den Optionen reduzieren.

Technisch schlägt sich Ruffy auf der Switch 2 solide, aber nicht einwandfrei. Die Ladezeiten sind minimal kürzer als auf der alten Switch, doch Framerate-Einbrüche in bestimmten Bereichen und die Draw-Distance-Probleme mit plötzlich aufploppendem Nebel bleiben bestehen. Gerade weil vieles „nahtlos“ verbunden ist, entstehen sichtbare Ruckler beim Übergang. Nicht dramatisch – aber auffällig.

Auch fehlt die Möglichkeit zur Gyro-Steuerung, was beim präzisen Zielen von Flip-Punkten hilfreich wäre. Gerade in hektischen Abschnitten kann das Frust verursachen.

Kreativer Indie-Hit mit Charme

Ruffy and the Riverside ist ein kreativer und herzerwärmender Plattformer mit origineller Spielmechanik. Die Mischung aus Nostalgie, cleverem Gameplay und einem sympathischen Ensemble macht das Spiel zu einem Geheimtipp im Indie-Sektor. Die Schwächen im Pacing fallen durch die liebevolle Präsentation und das motivierende Sammelsystem kaum ins Gewicht.

Es will ein „Banjo-Kazooie für die neue Generation“ sein, stolpert aber oft über seine eigene Ambition. Das Flip-System allein rechtfertigt fast einen Blick, so clever ist es. Auch die Präsentation überzeugt mit Stil, Humor und Nostalgie.

Einzigartig, aber nicht Genre-definierend

Ruffy and the Riverside
73 100 0 1
Mangelnde Struktur, schwache Gegner, ein überkomplizierter Storyansatz und technische Schwächen verhindern den Sprung in die Genre-Topliga.
Mangelnde Struktur, schwache Gegner, ein überkomplizierter Storyansatz und technische Schwächen verhindern den Sprung in die Genre-Topliga.
73/100
Total Score

Positiv

  • Großartige Swap-Mechanik mit kreativen Rätseln
  • Inspirierender Look und lebendige Spielwelt
  • Nette Levelideen und Minispiele
  • Charmante Figuren und witzige NPCs
  • Gelungene Hommage an 90er-Platformer

Negativ

  • Schwache Story mit zu viel Text, aber wenig Klarheit
  • Gegner- und Bossdesign uninspiriert
  • Aufgesetztes und unausgegorenes Upgrade-System
  • Wiederholende Puzzle-Logik gegen Spielende
  • Auf Switch-2 ohne klare technische Vorteile
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